Immer mehr zum inneren Frieden finden

Erkenne deine Verantwortung

In Situationen oder Beziehungen, die irgendwie schwierig sind – mit Spannung, Gefühlen der Verletzung, Interessenkonflikten… das normale Zeug eben – ist es natürlich, dass wir uns auf die Probleme fokussieren, die andere durch ihr Handeln ausgelöst haben.

Für eine Weile kann das auch ganz hilfreich sein: es energetisiert dich, bringt dir Einsichten in deine wahren Prioritäten und hilft dir, klarer zu sehen, was andere deiner Meinung nach verändern sollten.

Aber das kostet auch etwas: Die Fixierung auf die Verletzungen, die andere dir zugefügt haben, bestätigt deine Meinung über diese Menschen – mit all dem Stress und den anderen Problemen, die das nach sich zieht. Zudem wird es dadurch schwerer, die guten Eigenschaften in denjenigen zu sehen, mit denen du Probleme hast, und du erkennst auch nicht den Einfluss zusätzlicher Faktoren und deinen eigenen Anteil an der Situation.

Was tust du?

Sagen wir zum Beispiel, du arbeitest mit jemandem zusammen, der dich ungerecht kritisiert. Sicher gibt es die Aspekte, bei denen dieser Mensch einen Fehler macht und selbstgerecht handelt – oder was es auch immer sein mag. Zudem gibt es aber die Aspekte, wo dieser Mensch auch gute Dinge tut, zusätzlich zu den anderen Faktoren – wie ein abgelenkter Chef, der in dieser Situation keine Verantwortung übernommen hat oder Kollegen, die gerne Gerüchte verbreiten, – die entweder die Situation verbessern oder verschlechtern. Und dann gibt es da auch deinen eigenen Anteil: Was tust du, – in Gedanken, Sprache und Tat – das helfen oder schaden kann?

Letztendlich haben wir meist wenig Einfluss auf die Menschen, mit denen wir Schwierigkeiten haben oder andere Beteiligte – ganz zu schweigen von größeren Faktoren wie Wirtschaft, Politik, Unternehmenskultur etc.
Ja, tu, was du kannst, um das, was da „draußen“ passiert, zu verändern, aber hier „drinnen“ gibt es viel mehr Möglichkeiten, um deine Reaktionen zu verändern und im Leben angemessener zu handeln.

Übernehme Verantwortung

Zudem ist es mir nie gelungen mit etwas Frieden zu schließen, das mich beschäftigt hat (alles zwischen einer kleinen Irritation bis zu bohrender Verletzung oder Wut), bis ich Verantwortung für meinen eigenen Anteil daran übernommen habe. Das bedeutet, keine Exzesse von Schuld und Mea Culpa-Bekenntnissen, oder andere aus der moralischen Verantwortung zu entlassen. Es bedeutet nur, dass du auch deinen eigenen Anteil in der Schaffung dieser Situation und in deinen Reaktionen erkennst. Wenn du diesen Stand einnimmst und deinen Anteil siehst, kannst du paradoxerweise aus den Verstrickungen mit anderen und in deinem eigenen Geist herauskommen. Die Wahrheit befreit uns.

Aber um von diesen Vorteilen zu profitieren, musst du deinen Anteil sehen.

Weil es schwierig sein kann, direkt auf deinen eigenen Anteil in einer Situation zu schauen, beginne damit, dich deiner eigenen Ressourcen zu vergewissern: Werde dir des Gefühls bewusst, das du Fürsorge empfängst. Bekomme ein Gefühl für deine eigenen guten Eigenschaften. Erinnere dich an die positiven Wirkungen auf dich und andere, wenn du deinen eigenen Anteil erkennst.

Wähle als Nächstes eine Situation oder Beziehung. Der Einfachheit halber werde ich mich hier auf drei „Mitspieler“ fokussieren: Eine Person, mit der du Probleme hast, andere Menschen oder Faktoren und du selbst. Denke über fünf Dinge nach:

  • Wie die Person, mit der du Schwierigkeiten hast, negative und positive Wirkungen hat.
  • Wie andere Menschen, soziale Faktoren und die Geschichte negative und positive Wirkungen hervorgebracht haben. Nimm eine große Perspektive ein.
  • Wie du positive Wirkungen hattest.

Anmerkung:
Zu den Schwierigkeiten gehören das Gefühl, falsch behandelt worden zu sein, etwas zu wollen, es aber nicht bekommen zu können, Probleme für Menschen, die dir nahestehen, auszulösen etc.

Zu den positiven Wirkungen zählen Klarheit, eine Kultur der Verantwortlichkeit, emotionale Unterstützung, das Wohlergehen anderer unterstützen etc.
Zu den Ursachen gehören Gedanken, Worte und Taten; hüte dich vor zu viel Gedankenlesen, aber es ist natürlich und nützlich über die mentalen Prozesse bei dir und anderen zu reflektieren.
Erkenne den Unterschied zwischen Absicht und Wirkung. Die Absichten eines Menschen können positiv oder neutral sein, aber trotzdem negative Konsequenzen haben.

Und nun der sechste Schritt, der schwierigste: Denk darüber nach, wie du zu dieser Situation oder Beziehung negativ beigetragen hast. Dabei finde ich es hilfreich, an drei Arten von Ursachen zu denken (hier kurze Beispiele):

  • Unschuldig – Einfach da sein, wenn etwas geschieht.
    Wenn du zum Beispiel über eine Kreuzung gehst und ein betrunkener Autofahrer dich anfährt; du einen Job in einer Firma mit einem kritischen Kollegen annimmst; männlich/weiblich/jung/blond/Geschäftsführer/etc. bist; den Entschluss fasst, in eine bestimmte Stadt zu ziehen.
  • Gelegenheiten für angemesseneres Handeln – Erkennen, dass ein bestimmtes Wort andere verletzt; du auf eine relativ kleine Sache übertrieben reagiert hast; du mehr Verantwortung als Mutter/Vater übernehmen musst; dein Partner/deine Partnerin mehr romantische Aufmerksamkeit möchte; es Zeit ist, dich bei der Arbeit besser zu organisieren; du zu viel getrunken/gearbeitet/geredet/geurteilt/delegiert/kommandiert hast.
  • Moralische Fehler – Wir haben alle moralische Fehler, ich hab auch viele: Situationen, in denen wir eine angemessene Richtlinie – besonders unsere eigenen Richtlinien – für Integrität verletzen und einen Schreck gesunder Reue gebrauchen können.
    Ungerecht sein; andere anschreien oder schlagen; nachtragend sein; lügen; andere so behandeln, als wären sie nicht wichtig; Machtmissbrauch; Rücksichtslosigkeit; emotionale Kälte als Waffe verwenden; dich nicht um deine Wirkung auf andere zu kümmern; deinen Verantwortlichkeiten nicht nachkommen.

Die Unterscheidung zwischen Gelegenheiten für angemesseneres Handeln und moralischen Fehlern ist sehr wichtig – sowohl in Bezug auf dich selbst als auch in Bezug auf andere, mit denen du Schwierigkeiten hast. Oft verpassen wir Möglichkeiten, um angemessener zu handeln, weil wir denken, dass wir dann einen moralischen Fehler zugeben würden. Natürlich kann das, was für einen Menschen eine Gelegenheit für angemesseneres Handeln ist, für den anderen ein moralischer Fehler sein. Du musst selbst entscheiden, was der Fall ist.

Arbeite mit deinem Anteil

Wenn du Verantwortung für deinen Anteil übernimmst, sei mitfühlend mit dir selbst. Erinnere dich auch daran, dass die Ursachen für Verletzung, die von dir ausgegangen sind, von vielen guten Eigenschaften in dir begleitet werden – und, dass du deinen eigenen Anteil siehst, ist auch ein Ausdruck deiner Güte. Sei dir dessen bewusst, lass es tief einsinken.

Erlaube den Wellen von Schmerz oder Reue durch dich zu fließen, wenn du deinen Anteil erkennst. Lass sie kommen und lass sie gehen. Wälze dich nicht in Schuld. Das verhindert es nur, dass du deinen Anteil siehst und aus dieser Erkenntnis handelst. Erinnere dich auch daran, dass dein Anteil nicht den der anderen verringert. Wir haben alle einen Anteil daran. Schätze, wie das Annehmen deines Anteils es dir ermöglicht, anderen zu helfen, ihren Anteil zu sehen.

Nimm die positiven Gefühle auf, die du verdienst

Finde immer mehr zu deinem inneren Frieden. Du leistest keinen Widerstand. Niemand kann dir etwas über deinen eigenen Anteil sagen, das du nicht schon wüsstest. Du spürst eine Erleichterung, du wirst weicher und offener und empfindest das Überfließen deines guten Herzens.

Dann schau, langsam und sanft, ob dir irgendwelche Handlungen einfallen, die jetzt weise und nützlich sind. Vielleicht Gespräche mit anderen oder eine Entscheidung für die Zukunft oder eine Entschuldigung. Nimm dir Zeit dabei. Beeile dich nicht, um dich besser zu fühlen.

Welches positive Gefühl du auch immer erlebst, wenn du deinen Anteil siehst: Nimm es wirklich auf. Du verdienst es. Den eigenen Anteil an einer schwierigen Situation zu erkennen, ist eine der schwersten – und ich denke würdevollsten – Dinge, die ein Mensch tun kann.

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel See your part veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson