Wettkampf versus Kreativität

Wo hältst Du Dich auf?

Wir zivilisierten Menschen scheinen süchtig nach Wettkampf zu sein; davon besessen, zu wissen, wer der Beste und Schlechteste ist, wer am meisten und wer am wenigsten hat, wer die Gewinner und wer die Verlierer sind. In unserer Kultur wird fast alles im Rahmen von Konflikt und Wettbewerb betrachtet. „Tanzt Du gerne? Dann solltest Du mal an einem Tanzwettbewerb teilnehmen!“ Stück für Stück – beginnend in unserer Kindheit – wurde uns beigebracht, dass nichts wirklich etwas taugt, wenn es nicht zu irgendeiner Art von Wettbewerbsvorteil führt.

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Wettbewerb gibt es nicht nur in Wettkämpfen, beim Sport oder im Wirtschaftsleben. Jedes Mal, wenn Du glaubst, dass Du etwas zu verlieren hast, jedes Mal, wenn Du meinst, dass Du oder Dein Kind etwas verdient oder nicht verdient – befindest Du Dich in der Geisteshaltung des Wettbewerbs. Vielleicht findest Du Dich sogar in der Falle wieder, der am wenigsten Wettbewerbsorientierte sein zu wollen!

Ganz in der Tradition der amerikanischen Wettbewerbskultur hat eine kürzlich durchgeführte Studie alle fünfzig Bundesstaaten bezüglich ihrer Familienfreundlichkeit bewertet. Doch die Studie hat dabei einen zentralen Aspekt übersehen: Der beste Ort, um ein Kind aufzuziehen, ist kein äußerer Ort, sondern eine Art, zu sein, eine Art, zu sein, die Wettkampf transzendiert, Konflikte auflöst und Liebe und Mitgefühl wachsen lässt und Lernen fördert. Ich nenne diese Art des Seins „kreative Präsenz“.
Kinder nennen es „Spiel“.

Die Kunst der Nicht-Präsenz

Präsenz heißt, im Hier und Jetzt zu sein. Als Du ein Kind warst, war Präsenz Dein natürlicher Zustand. Doch vom ersten Tag an – oder, falls Du Glück hattest, nach einer kurzen gnädigen Zeit als Säugling oder Kleinkind – fingen Deine Eltern oder Lehrer damit an, Dich in der Kunst der Nicht-Präsenz zu unterrichten. Das war natürlich nicht ihre Absicht – sie wollten Dich nur zivilisieren.

Jede Bewertung, Strafe, Belohnung, Einschränkung und Reaktion, die mit den subtilen oder offensichtlichen Ängsten Deiner Bezugsperson gesättigt war, forderte von Dir, die Gegenwart zu vergessen und der Vergangenheit und Zukunft mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Manchmal mag sich das sogar so schmerzhaft angefühlt haben, dass Du Deinen „Körper verlassen musstest“ – einfach um damit zurechtzukommen. Ganz gleich, wie intensiv oder mild Dein „Nicht-Präsenz“-Training war – vollkommen verschont bleibt davon keiner.

Kreativität entsteht natürlicherweise

Kreativität ist ein Zustand der Offenheit gegenüber den Möglichkeiten, die sich noch nicht gezeigt haben. Sie entsteht natürlicherweise, wenn Du voll und ganz gegenwärtig bist. Wenn als Baby all Deine grundlegenden Bedürfnisse erfüllt waren und Du frei von jeglicher Form des Stresses warst, so bestand Deine ganze Welt aus nichts anderem als aus Möglichkeiten. Unendliche Möglichkeiten. Soweit Du es wusstest, war ALLES möglich. Das ist ein fruchtbarer Boden für Kreativität. Deine Natur war (und ist) es, Deine Kreativität durch Erforschen und Experimentieren zu trainieren und zu verfeinern und Dich dabei hauptsächlich vom Vergnügen leiten zu lassen. Du spürtest Deine kreative Kraft, wenn Du herausfandest, dass Du etwas bewirken kannst wie z. B. das Lächeln Deiner Mutter, Deinen leckeren großen Zeh in den Mund zu stecken oder ein Meisterwerk mit Ketchup und Senf auf den Küchenteppich zu malen – und dieses Gefühl war unwiderstehlich angenehm. Es wäre Dir niemals in den Sinn gekommen, solch einem wunderbaren Vergnügen zu widerstehen, wenn es da nicht die Angst Deiner Bezugsperson gegeben hätte.

Hin zu Liebe, Präsenz und Kreativität

Schließlich hast Du gelernt, dass Kreativität Dir Ärger einbringt und Präsenz häufig zu schmerzlich auszuhalten ist. Also hast Du Dich heruntergeregelt – vielleicht ganz heruntergeregelt – und die mangelnde kreative Präsenz fühlt sich normal an. Auf diese Art wurde die Unterdrückung kreativer Präsenz von Generation zu Generation weitergegeben.

Doch Du bist diese Altlast halbherzig gelebten Lebens leid. Und Du möchtest nicht, dass sich Deine Kinder von ihrer Kindheit erholen müssen. Deswegen hast Du Dich für bewusste Elternschaft entschieden und gegen Drohungen, Bestechungen, Strafen und dergleichen. Wunderbar. Du weißt, was Du nicht möchtest, und Du fragst jetzt: „Und was mache ich stattdessen? Soll ich eine neue Technik ausprobieren?“ Vielleicht. Doch wenn Du Dich der Sache aus Angst heraus näherst – Angst davor, Deinem Kind zu schaden, Angst davor, eine schlechte Mutter, ein schlechter Vater zu sein usw. – dann werden selbst die erleuchtetsten Elternmethoden versagen.

So gesehen, geht es bei der Frage, ob wir an einen kinderfreundlicheren Ort ziehen sollten, nicht um einen äußeren Ort, sondern um eine familienfreundlichere Geisteshaltung. Weg von Wettbewerbsdenken, Konfliktorientierung hin zu Liebe, Präsenz und Kreativität. Deine Kinder werden durch Deine Haltung, Dein Sein, genauso beeinflusst – wenn nicht sogar noch mehr – wie durch Deine Worte und Taten.

Erschienen in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Ausgabe:

Scott Noelle lebt mit seiner Partnerin Beth und den gemeinsamen zwei Töchtern in den USA. Seit langer Zeit ist er ein Vertreter bewusster, holistischer, intuitiver und natürlicher Elternschaft.
Mehr über den Autor und seine Arbeit erfahren Sie auf seiner englischsprachigen Website scottnoelle.com.

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Alle Rechte vorbehalten. © Arbor Verlag/Scott Noelle